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DEUTSCHE PROVINZ IST TEUER.

Selbst in abgelegenen Regionen sind die Immobilienpreise um 40 Prozent gestiegen. Besucher konkurrieren mit Einheimischen um Häuser. Immobilienmakler beschreiben den Markt als „absolut verrückt“.

  • 24. MAI 2021

Der Immobilienboom hat die ländlichen Gebiete erreicht. Die Wohnkosten in Gebieten, die mehr als 90 Minuten von der nächsten Großstadt entfernt sind, sind in den letzten vier Jahren um durchschnittlich 40 Prozent gestiegen. Selbst in Gegenden, von denen man mehr als zwei Stunden in die nächste Großstadt fährt, sind die Preise um mehr als 30 Prozent gestiegen. Das ist das Ergebnis einer laufenden Analyse des Empirica Research Institute.

Das ist großartig. Viele Jahre lang wurde angenommen, dass Metropolen wachsen und teurer werden, während ländliche Gebiete mit Bevölkerungsabwanderung, leerstehenden Häusern und sinkenden Preisen zu kämpfen hatten. Doch jetzt gibt es nicht nur in den Städten selbst, sondern auch im Landkreis wenig Land. Die Grundstückspreise im Berliner Raum haben sich seit 2012 verdreifacht, sodass immer mehr Käufer in entlegene Dörfer und Kleinstädte ziehen. Während ein Gebrauchthaus in Frankfurt oft mehr als eine Million Euro kostet, wird dasselbe im Vogelsbergkrais-Kreis für durchschnittlich 160.000 Euro und im Spessart-Kreis für 220.000 Euro angeboten. „Das Bundesland zieht vor allem Familien an, die ihren Traum vom Haus mit Garten verwirklichen wollen“, sagt Immobilienökonom Harald Simons.

Der ländliche Raum wird belebt

Das zeigt auch die Wanderungsbilanz: Während junge Menschen noch das Land verlassen, strömen Menschen zwischen 30 und 50 Jahren mit ihren Kindern dorthin. Auch in abgelegenen Gebieten wie der Prignitz in Brandenburg oder der Vulkanaifel in Rheinland-Pfalz wächst die Bevölkerung zuletzt wieder. Andererseits ist Berlin im vergangenen Jahr erstmals seit fünfzehn Jahren geschrumpft. Doch der ländliche Raum zieht zunehmend mehr als nur Familien an. Seit einigen Jahren besteht die Tendenz, Zweitwohnungen außerhalb der Touristenzentren am Meer und in den Bergen zu erwerben. Zudem zieht der ländliche Raum zunehmend Bürger an, die auf großen Flächen gemeinsam leben und arbeiten wollen – Projekte, die bisher vor allem in der Stadt existieren.

Nicht nur günstige Preise locken aufs Land. Befeuert wird der Immobilienboom auch durch niedrige Zinsen und den damit verbundenen Mangel an attraktiven Anlagemöglichkeiten. Zudem ziehen Freiräume und die Nähe zur Natur immer mehr Menschen an – eine Entwicklung, die durch die Pandemie wieder an Dynamik gewinnt, aber laut Experten auch im Vorfeld zu beobachten war. „In einer als unsicher geltenden digitalen Welt gehen viele Menschen bestimmten Prozessen nach, etwa dem Anbau von Gemüse“, sagt Martina Dehler-Behzadi, Geschäftsführerin der Internationalen Bauausstellung Thüringen, die sich die Wiederbelebung des ländlichen Raums zum Ziel gesetzt hat.

Konflikte sind unvermeidlich

Das daraus resultierende Interesse am ländlichen Wohnen ist nicht konfliktfrei. Als „absolut verrückt“ bezeichnen Immobilienmakler insbesondere die Zeit seit Beginn der Corona-Krise. „Seit März 2020 übertrifft die Nachfrage alles, was wir hier je gesehen haben“, sagt Sabina Schwimmann, Maklerin der Vulkaneifel. „Auch die entlegensten Ecken sind gefragt, Hauptsache Bahn und Internet“, sagt Makler Johannes Dietrich aus dem Schwarzwald.

Andere Kollegen berichten von 40 Anfragen pro Stunde über unreparierte Farmen, Ausschreibungen und eine zunehmend aggressive Stimmung, wenn jemandem das Geld fehlt. „Die Bürger konkurrieren mit den Einheimischen und sind bereit, höhere Preise zu zahlen“, sagt Schwimmann.

Oliver Langner, der in der Holsteinischen Schweiz nördlich von Hamburg vermittelt, zeichnet ein „sehr zwiespältiges Bild“: „Schleswig-Holsteiner kaufen hier nicht mehr ein, das ist ihnen zu teuer.“ Aber Käufer kommen aus Hamburg, Köln und sogar München und kaufen Immobilien um jeden Preis. "Es ist immer noch billig für sie." Einheimische sind darüber nicht erfreut, denn es führt nicht nur zu höheren Preisen. Auch das als Zweitwohnsitz genutzte Haus steht die meiste Zeit des Jahres leer. Hohe Nachfrage ist Mangelware. In Erwartung weiterer Preissteigerungen halten sich die Verkäufer noch zurück.

Experten sind sich uneinig, ob das neue Interesse eine echte Wende zugunsten des ländlichen Raums ist. Während Immobilienökonom Simons davon überzeugt ist, glaubt Stadtplanerin Döhler-Behzadi nicht an eine Verbesserung der Situation. „Am Haupttrend der Urbanisierung wird sich nichts ändern. Die Versorgung in ländlichen Gebieten geht zurück, nur langsamer.“

Quelle:  Frankfurter Allgemeine

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